reflections

Elterngespräch

Das abgemagerte Mädchen sitzt zusammengekauert auf ihrem Stuhl. Unbequem, auf der äußersten Kante, die Muskeln angespannt bis aufs letzte, bereit zu Weglaufen. Ihre ganze Haltung drückt zum einen Trotz, zum anderen Verzweiflung aus, abgrundtief. Der Gesichtsdruck schwankt; er ist schwer zu lesen - zwischen zusammengekniffenen Lippen, die nichts sagen wollen und einem resigniertem "alles-über-sich-ergehen-lassen".
Die dürren Arme sind vor dem mageren Körper verschränkt.

Daneben, und doch wie in einer anderen Welt, sitzen die Eltern.
Selber verzweifelt und resigniert.
Aber in diesem Gespräch sind sie vor allem auch eins: Mehr oder weniger versteckt wütend auf die Tochter.
Sie verstehen nicht. Sie reden und versuchen, Antworten zu geben, bei denen das Mädchen nur noch verschlossener wird, weil es sich wohl denkt, daß ihre Eltern doch mal echt gar nichts kapieren.
Die Luft im Raum ist eisig und zum Schneiden.

Ein Therapeut versucht zwischen diesen beiden Welten zu vermitteln - und scheitert.
Scheitert daran, daß das Mädchen glaubt, von vornherein die Böse zu sein und nur verlieren zu können, egal, was sie sagt. Also am besten nichts sagen. Schweigen. Wenigstens die Magersucht, die Kontrolle über sich und den eigenen Körper, nicht verlieren, wenn man sie schon über diese Situation nicht haben kann.
Scheitert daran, daß die Eltern unbewußt und ungewollt erst mal der Tochter die Schuld zuschieben: "Wir haben doch alles für Dich getan! Was willst Du denn noch?"
Die Mutter schreit, unter kaum unterdrückten Tränen: "Ich opfere mich für die ganze Familie auf, vor allem für Dich, und wie wird mir das gedankt? Meine Tochter läßt sich verhungern! Womit habe ich das nur verdient???"
Der Vater, im Anzug, sagt nur in geschäftsmäßigem Ton: "Ich verstehe nicht, wieso sie so verstockt ist! Ich habe doch immer alles für sie getan, alles bezahlt, alles gekauft - was will sie denn noch? Ist das alles noch nicht genug?"

Dazwischen sitzt die Tochter, inzwischen ein Häufchen Elend. Wortlos, schweigend.
Mit der Angst, alle werden sich auf sie stürzen, wenn sie jetzt etwas sagt.
Ein Wort wäre ein Schuldbekenntnis. Daß sie zu egoistisch ist. Zu fordernd. Daß sie versagt hat, nicht das erfüllen konnte, was vor allem der Vater heimlich erträumt hat: Die perfekte Vorzeige-Tochter. Gut in der Schule, gut im Sport, musikalisch, vielseitig begabt, beliebt. Verdient hätte er es doch - oder nicht?
Schweigen. Nur nichts sagen. Kein Wort davon sagen, daß einem die ständige Bemutterung zuviel ist. Daß man sein eigenes Leben haben will und nicht immer alles vorgekaut und vorgesetzt haben will. Daß man auch mal rebellieren will gegen etwas. Daß man Angst hat, die Hochleistung, die alle unterschwellig von der perfekten Tochter erwarten, nicht mehr erbringen zu können.
Und daß die Magersucht der einzige Weg ist, der einem geblieben ist, um da auszubrechen.

"Wenn sie doch nur essen würde", sagt der Vater seufzend, "das kann doch nicht so schwer sein!"
"Ich koche Dir auch Dein Lieblingsessen", fügt die Mutter fast schon flehend hinzu.
Alle starren das Mädchen an, das zu Boden sieht und schweigt.

"Wenn Du noch ein Kilo abnimmst, kann ich eine ambulante Behandlung nicht mehr verantworten", sagt der Therapeut schließlich hilflos.
Kurzes Zusammenzucken des Mädchens. Ein mißtrauischer Blick nach oben.
Sie scheint zu überlegen, was das kleinere Übel wäre: Zu Hause bleiben in der vertrauten Umgebung, die man aber doch eigentlich inzwischen haßt, in der man aber alles noch unter Kontrolle hat, sowohl sich als auch die Eltern - oder zugeben, daß man es alleine nicht mehr schafft und sich ganz heimlich doch nach der Geborgenheit einer Klinik sehnt, weg von den Eltern, weg vom Leistungsdruck der Schule.
Sie scheint abzuwägen, wie lange sie es noch schaffen kann, ihr Gewicht auf der Grenze zu halten. Wie sie es schaffen kann, heimlich noch mehr abzunehmen und die Umwelt zu täuschen.
Sagen kann sie nichts.
Sie weiß doch selber nicht mehr, was sie eigentlich will. Hat unglaubliche Angst vor jeder Veränderung und sehnt sich gleichzeitig danach.
Und sie kann doch nicht zugeben, daß sie wirklich schwach ist und versagt hat!
Sie wird durchhalten, bis zum bitteren Ende, auch wenn sie sich dafür selbst quälen muß, jeden Tag und jede Nacht unter schrecklichem Hunger leidet, der aber nicht nur der Hunger nach Nahrung ist. Wo das Ende ist, weiß sie inzwischen selber nicht mehr. Hauptsache, die Kontrolle nicht verlieren, die Macht über den eigenen Körper, die Anerkennung der Leistung auf der Waage, mehrmals täglich, wann immer sie sie will und braucht.
Schließlich ringt sie sich zu einem Satz durch: "Ich will nicht in eine Klinik, ich schaffe das auch so."
Und in ihr der (un)heimliche Gedanke: "Wenn ich es schaffe, daß sie mich zwangseinweisen, trage nicht ich die Verantwortung dafür. Dann muß ich nicht zugeben, daß ich völlig versagt habe. Dann muß ich nicht zugeben, daß ich das eigentlich gewollt habe."

20.4.07 22:10

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